18. 10. 2012 Homepage

Mallorca

Endlich wieder Urlaub! Ab nach Mallorca, in die zweite Heimat. Nein, nicht Malle - Ballermann - Jürgen Drews, sondern Mallorca - Kultur - Spanischsprechen sind angesagt. Ich steige in den TUI-Flieger ein. Außen das Wappen des Fußballclubs Hannover 96. Der Flug wird so ruckelig, wie das Auf und Ab dieses Teams in den vergangenen zehn Jahren Bundesliga. Dennoch gelingt es den Flugbegleitern, gegen Ende des Fluges doch noch etwas zu Essen und Trinken zu verteilen. Nachdem der Müll dann wieder eingesammelt wurde, geht die Spendenbüchse herum. Das ist neu. Ist wohl ein katholischer Flug. Ich gebe nichts, weiß doch nicht, wer das Geld nachher bekommt. Vielleicht ein "Not leidender Pilot"? Neben mir sitzt ein junger Mann, ca. 2 Meter groß. Er bekommt seine Beine nicht vor seinem Sitz unter und muss sie schräg in den Gang hinausstellen. Ich sage: "Ja, das hat man dann halt, wenn man so groß ist." Er stimmt zu.

Komme an bei Nacht. Es ist warm. Meine wunderschöne, charmante und bis dahin unbekannte Begleiterin und ich erfreuen die Hotelmitarbeiter mit unseren spanischen Sprachkenntnissen. Wohl ab und zu etwas daneben, aber offensichtlich dennoch verständlich. Dennoch bekommen wir recht seltsame Zimmer. Der Aufzug fährt nur bis zum dritten Stock, aber wenn wir unseren Schlüssel reinstecken, fährt er weiter aufs Dach, wo sich noch ein paar Appartements befinden. Ein lauter Generator davor und eine Treppe, die vom dritten Stock direkt in die Wohnung führt, dazu nicht abschließbare Türen veranlassen uns, nach anderen Zimmern zu fragen.

Diese bekommen wir dann am nächsten Tag auch. Ebenfalls keine Luxusräume ... das Hotel scheint sowieso mindestens einen Stern "dazugeklebt" zu haben ... aber brauchbar. Jetzt kann der Urlaub losgehen. Das heißt, er könnte, wenn das Wetter mitmachen würde. Viel Regen und Gewitter wechseln wenig Sonne ab. Dazu gibt es am Strand gefühlte 800 Meter hohe Monsterwellen und Badeverbot. Leider verstehen meine beiden Zimmernachbarn links und rechts unter Urlaub, den ganzen Tag auf dem Balkon zu sitzen und zu rauchen. Deswegen kann ich kein Fenster aufmachen, wenn ich nicht ausgeräuchert werden will.

Auch am dritten Tag ernüchternde meteorologische Tatsachen: Palma bei strömendem Dauerregen, und die Wärme ist mittlerweile auch ein bisschen dahin Die mahlzeitliche Einkehr bei einem urigen Spanier deckt dann doch die sprachlichen Defizite auf. Wir bekommen dennoch etwas Leckeres.

Einen Tag später kann der "Badeurlaub" in Paguera aber dann doch endlich starten. Meine Begleiterin und ich verstehen uns prächtig, und das Essen ist immerhin nicht mit irgend etwas kontaminiert. Wenn es auch nicht sehr abwechslungsreich ist. Ist eben auch nur ein kleines Hotel. Auch das hat seine Vorteile. Es würde allerdings helfen, wenn das Essen gekennzeichnet wäre - besonders für Vegetarier oder Allergiker. Zum Glück bin ich keines davon.

Ausflug nach Santa Ponsa. Nach einem Einkaufsbummel erholen wir uns am Strand und gehen von dort kurz bei McDonald's vorbei. Leider kostet ein einziger McChicken ... pardon, der heißt hier natürlich McPollo ... 6,10 EUR. Es gibt Länder, da bekommt man für dieses Geld den ganzen Laden. Laufe später noch an Daniela Katzenbergers Store vorbei und sehe da drin nichts, was nicht pink wäre. Abends findet das "Oktoberfest" statt. Das bräuchte ich schon zu Hause nicht, im Ausland erst recht nicht. Aber ich lasse mich überreden. Tue so, als könnte ich die Partymusik ertragen. In Wirklichkeit trinke ich Alkohol und höre weg. Das hilft ein wenig. Ich glaube, es fällt keinem auf. Immerhin sind meine direkten Sitznachbarn sehr nett, das rettet den Abend. Ich erfahre, dass es Pinkel-Zehnerkarten gibt, die käuflich zu erwerben sind. Wenn man diese kauft, darf man sogar ein elftes Mal umsonst gehen. Bei EINEM Abend Aufenthalt kann ich mir aber nicht vorstellen, dass man auf dieses Angebot zurückgreifen muss.

Je schöner das Wetter wird, desto näher rückt leider das Urlaubsende, und so sitzen wir letztlich nach viel zu kurzer Erholung im Flieger nach Hause. Obwohl, so einfach ist es dann doch nicht, denn der Air-Berlin-Flieger hat eine Stunde Verspätung. Als er dann endlich kommt, werden die alten Fluggäste herausgestoßen und die neuen hineingetrieben - praktisch in einem Aufwasch. Und los gehts. Wir werden von einer Crew mit gefühltem Durchschnittsalter von 13 mit einem mainzelmännlichen "Gu'n Aaaaaab'nd!" begrüßt. Ich erwidere im selben Ton. Der Rückflug dauert viel kürzer als der Hinflug, weil man noch vor Mitternacht in Stuttgart landen muss. Das nächtliche Flugverbot lässt grüßen. Leider war am Ende alles wieder viel zu kurz, aber tolle neue Bekanntschaften und der vergangene Aufenthalt in der zweiten Heimat sorgen auch nachträglich noch für ein Glücksgefühl. Irgendwie möchte ich schnell wieder zurück.

7. 8. 2012 Homepage

Keine guten Zeiten für Schwaben

Die Schwaben. Zwei Worte assoziiert man mit ihnen: Sparsamkeit und Sauberkeit. Es erscheint Außenstehenden oft etwas seltsam, wenn zum Beispiel wieder die "große Kehrwoche" ansteht und Hausbewohner am Freitag oder Samstag geballt ihre Besen zur Hand nehmen. Und damit die Nachbarn auch mitbekommen, dass man seine Kehrwoche brav gemacht hat, wird beim Kehren möglichst oft ans Treppengeländer geklopft oder beim Nasswischen eine ziemliche Überschwemmung veranstaltet, die drei Tage lang nicht mehr trocknet. Nicht, dass noch einer auf die Idee kommt zu sagen: "Der hat seine Kehrwoche nicht gemacht, die Sau!" Den Gehweg ums Haus kehrt man natürlich am besten tagsüber, wenns dann auch in der gesamten Nachbarschaft wahrgenommen wird. Manche machen es, wenn es dunkel ist oder am Sonntag ... das ist dann aber völlig ineffizient und kann großen Ärger verursachen.

Das andere Thema, wofür die Schwaben bekannt sind, ist die Sparsamkeit. Da werden die Schwaben häufig mit den Schotten in einen Topf geworfen - beiden wirft man zu Unrecht bisweilen gar Geizigkeit vor. Aber das ist natürlich hanebüchen. Sparsamkeit vielleicht, Geiz nein. So ist es dem sparsamen Schwaben natürlich durchaus ein Graus, was gerade in Europa mit der Gemeinschaftswährung passiert. Jeden Tag ein neuer Rettungsschirm: EFSF, ESM, LMAA ... keiner blickt mehr durch bei all den scheiß Fäkalpakten. Oder Fiskalpakten. Oder wie die auch immer heißen. Damit man in Griechenland mit 15 Jahren in Rente gehen kann und Steuern nur am 30. Februar zahlen muss, wird die gesamte Euro-Gemeinschaft zur Kasse gebeten. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, soll man auch noch Italiens Bunga-Bunga-Partys und Spaniens Bullen-durch-die-Stadt-Jagen finanzieren. Irgendwann ist es dann auch mal gut. Sonst geht uns langsam selbst die Kohle aus. Wer soll dann die Nachhilfestunden bezahlen, die unsere Fußballer zum Nationalhymne-Singen benötigen? Wovon soll der Schwabe noch seinen neuen Besen oder Kehrwisch kaufen, wenn sein sauerverdientes Geld zu demnächst vielleicht 100 % versteuert und dem klammen EU-Ausland zur Verfügung gestellt wird?

Reicht es denn nicht, dass die gierigen Raffzähne von der Gema uns mittlerweile jeden Cent aus der Tasche ziehen? Zuerst waren die Kleinen im Kindergarten dran, die jetzt nicht mehr singen dürfen, dann standen die Gema-Leute bei Privatleuten vor der Tür und wollten Geld, wenn die unter der Dusche gesungen haben - und jetzt haben sie sich eine 29834872389472894789-prozentige Gebührenerhöhung ausgedacht und verlangen Unsummen von Disko- und Barbetreibern, wenn diese weiterhin Musik spielen wollen. Nun macht ja gerade eine Disko ohne Musik nicht wirklich Sinn, weshalb dort die Flasche Bier - um halbwegs wirtschaftlich arbeiten zu können - bald 1500 Euro kosten wird. Vermutlich werden dann die meisten Leute ihr Getränk lieber selbst mitbringen. Vielleicht heimlich ein Tetrapak um den Hals hängen. Am Ende dürfen dann die Bands bei ihren Konzerten ihre eigenen Lieder nicht mehr singen oder müssen erst dafür bezahlen. Das ist doch pervers. Für einen Besuch in einer Event-Gastronomie muss der Schwabe demnächst seinen Bausparvertrag auflösen, um die Rechnung bezahlen zu können.

5. 7. 2012 Homepage

So geht's auch

"Was für eine schöne Wohnung", stellte Mona Asozial fest und signalisierte ihre Bereitschaft zur Unterschrift des Mietvertrags. Auch der Vermieter Sauselig freute sich. Hatte es doch einige Monate gedauert, die Wohnung wieder zu vergeben, nachdem die Vormieter doch recht überstürzt gegangen waren und sämtliche Stromkabel, Türklinken und Lichtschalter mitgehen ließen. "Was manche Leute alles brauchen können", dachte sich Sauselig damals und machte sich auf, die Wohnung wieder auf Vordermann zu bringen und Nachfolger zu finden. Nun waren die Neuen also gefunden. Eine Familie - Mann, Frau, zwei Kinder. Es schien perfekt.

Also zog die neue Familie Asozial ein. Das Ganze ging recht zügig. Unglaublich zügig. Wohl eine ärmere Familie, die nicht so viel hat. Die ersten Tage verliefen ganz normal. Doch dann wurde es schon ein bisschen komisch, dass der angebliche Lebenspartner, Miteinzieher und Mietvertragspartner Horstgünther Mumpfematz nur sporadisch vorbeischaute, dort aber nicht wohnte. Außerdem war er wohl auch gar nicht wie angegeben der Vater der zwei Kinder. Genau genommen, war keines der beiden Kinder von ihm. Der wirkliche Kindsvater und Expartner von Mona Asozial nämlich, Bernhard Gossenwitz, kam dafür abends, um dort zu übernachten und sich um sein Kind zu kümmern. Sein anderes Kind, welches er mit Britta Unterschicht hatte, wurde von dessen neuem Lebenspartner Siegfried Säufermann - dem Nachfolger Horstgünthers - totgeschlagen und im Blumenkübel verscharrt. Und nun sollte - angeblich vom Psychologen vorgeschlagen - möglichst viel Kontakt zum noch lebenden Kind gehalten werden. OK, komisch ... aber wenn das gutgeht?!

Vermieter Sauselig, jedenfalls, wurde es ein wenig mulmig. "Wenn der Vertragspartner gar nicht wirklich mit einzieht, wird er dann dauerhaft die Miete bezahlen?" Er beschloss, Mona Asozial behutsam darauf anzusprechen. Was sie privat so machte, ging ihn ja nichts an, aber seinem Geld wollte er nachher nicht nachlaufen müssen. "Ach, das läuft nicht so gut mit dem, wir haben uns wieder getrennt. Aber die Miete übernimmt dann mein Papa", meinte sie. "Wenn das nur so klappt", dachte sich Sauselig besorgt. Zwei Tage später hatte Sauselig die Kündigung der Familie Asozial im Briefkasten. Sie fühlte sich "beobachtet" und mochte nicht mehr länger hier wohnen. "Oh, das war ja ein kurzes Vergnügen", konstatierte Sauselig, "insgesamt werden die also nur 2 Monate da drin sein. Da kann ich mir ja schon wieder neue Mieter suchen."

Fortan hörten Asozials auf zu grüßen und fingen schonmal an - eine neue Wohnung war wohl bereits klargemacht - einen erneuten Umzug vorzubereiten. Komisch aber, dass in deren letzten Wochen plötzlich täglich viele Postpakete eintrudelten, die alle zwar an diese Adresse aber an verschiedene Namen adressiert waren. "Guten Tag, Herr Sauselig. Ich habe ein Paket für Rosa Bumsnudel an die Adresse gegenüber. Würden Sie das Paket für die Bumsnudel annehmen?". Sauselig stand verwundert an der Tür und entgegnete dem Postboten: "Da wohnt keine Rosa Bumsnudel. Ich müsste das wissen, ich bin der Vermieter. Da wohnen Asozials." "Ach jeh", winkt der Paketschubser ab, "die sind bei uns bekannt. Ziehen ständig um, bestellen vorher noch unzählige Sachen auf verschiedene Namen und die noch kurze Zeit gültige Adresse, und ziehen dann mit den Waren aus, ohne sie zu bezahlen. Dann nehme ich das Paket glatt wieder mit." "Hmm ... so geht's offensichtlich auch", murmelte Sauselig sarkastisch, als er die Tür wieder schloss. Er war nicht verwundert, als Mona Asozial dann beim Auszug mehrere Flachbildfernseher ins Auto lud.

16. 6. 2012 Homepage

Und? Wie fühlst du dich jetzt?

"Und? Wie fühlst du dich jetzt?". Das ist so ziemlich der häufigste Satz, der mir in den letzten Tagen ins Gesicht geplärrt worden ist. Tja, scheiße natürlich. Wie soll's einem schon gehen, der gerade 40 geworden ist? Bei den Schwaben sagt man, mit 40 wird man gescheit. Genau genommen wird man aber eigentlich nur eines: alt. Noch Frauen unter 30 abzubekommen, wird künftig völlig unmöglich sein. Selbst unter 40 wird schon schwer werden. Für die alle bin ich mittlerweile ein alter Mann. Werden sich meine viel jüngeren weiblichen Freunde jetzt noch mit mir in der Öffentlichkeit sehen lassen wollen, wenn ich nicht mehr irgendunddreißig sondern irgendundvierzig bin? Ich fühle mich, als wäre ich gerade in den Ältestenrat der Obermuftis gewählt worden. Nur mit dem Unterschied, dass ich nichts zu sagen habe, sondern nur Beisitzer bin und zusehen muss, wie ich selbst langsam vergreise. Als ich 20 war und wurde zu vierzigsten Geburtstagen eingeladen - ach, was war das weit weg von mir. Und meine Lehrer waren für mich damals schon so alt, wie sie eigentlich erst heute wirklich sind, kurz vor der Pension. Sie waren damals in Wahrheit... ja, um die 40. Das ist schon alles ziemlich erschreckend. Und nein, wenn man 40 wird, da wird einem nicht nur zum Geburtstag gratuliert. Natürlich muss auch jeder ganz schnippisch die Zahl dazuhängen. Ja, die Zahl. 40, 40, 40 und nochmals 40. Aber es gibt ja noch einen Trost: Treffe ich alte Schulkameraden wieder, fällt auf, dass die Frauen noch viel viel schneller altern. Gut, mich haben schon recht früh viele Haare verlassen. Aber immerhin habe ich keine Lederhaut und kein Gesicht wie 50. Die Mädels aber teilweise schon. So gesehen, habe ich ja vielleicht noch Glück gehabt. Die Freude darüber wird mir aber schon bald wieder im Halse stecken bleiben, wenn mir klar wird, dass diese alten Gesichter die einzigen sind, die sich jetzt noch für mich interessieren.

1. 5. 2012 Homepage

Das ist die Friederike

Das ist die Friederike. Friederike ist fett und hässlich. Das klingt erstmal heftig, ist aber so. Dass Friederike unglaublich fett ist, liegt natürlich einzig und allein an ihrer Schilddrüse und nicht an den Tonnen von Fastfood und Cola, die sie täglich in sich hineinstopft. Friederike ist 1,50 m groß und wiegt 170 kg. Man könnte sagen, sie ist breiter als hoch. Außerdem hat Friederike auch noch einen richtig doofen Scheißnamen von ihren Eltern bekommen. Klingt gemein, ist aber so.

Friederike bekommt natürlich keinen Mann. Sie hat auch nicht viele Freunde. Die eine oder andere "Freundin" nimmt sie temporär mal mit, damit sie sich in Ruhe an die Typen ranschmeißen kann, die sie sich unterwegs auskuckt. Friederike muss sich dann nämlich so lange um deren doofe Kumpels kümmern. Sie weiß aber, dass auch die nichts von ihr wollen. Dabei hat sie ihre Erwartungen doch schon so heruntergeschraubt, dass sie jeden nehmen würde. Und weil das alles so traurig ist, ritzt sie sich gerne. Sie nimmt dafür ein Messer oder eine Rasierklinge und schlitzt sich Kerben und Linien in die Haut. Das darf natürlich keiner sehen. Deshalb macht sie das an Stellen, die sie in der Öffentlichkeit nicht zeigt. Und das sind außer dem Gesicht so ziemlich alle.

Friederike macht jetzt bei TV-Formaten wie "Bauer sucht Frau" oder "Freak sucht ebensolchen" mit. Klingt verzweifelt, ist auch so. Sie lässt sich dabei vom Fernsehen vorführen wie Zwergenwüchsige auf mittelalterlichen Jahrmärkten. Viele halten sie dann für doof. Andere haben Mitleid. Bringen wird ihr das alles aber sowieso nichts, da diese Formate nach Drehbuch versendet werden und nicht wirklich als Partnervermittlung gedacht sind. Aber vielleicht bekommt sie ja Fanpost von missgebildeten Zuschauern mit einem IQ von 20. Ach, selbst darüber würde sie sich noch freuen.

Durch die ganze Verzweiflung und die vielen Enttäuschungen - nun auch noch öffentlich lächerlich gemacht -, stopft sie nur noch mehr in sich rein. Bis sie eines Tages platzt. Dann macht es Bumm und es gibt eine mords Sauerei. Immerhin wäre sie aber niemals Zielgruppe von Amokläufer Bernd geworden.

4. 4. 2012 Homepage

Das ist der Bernd

Das ist der Bernd. Bernd ist eine arme Sau. Klingt komisch, ist aber so. Bernd ist Mitte 40 und Single. Er findet, er sieht ganz durchschnittlich aus. Frauen sagen ihm immer wieder, wie toll er ist. Da diese Frauen aber selbst alle keinerlei Interesse an ihm haben, muss er diese Komplimente doch stark relativieren. Nach dem St.-Florians-Prinzip: "Ich will ihn nicht, aber für eine andere wäre er doch vielleicht ganz gut." Ansonsten bekommt Bernd aber auch viel weibliche Ablehnung entgegengebracht. Mal sagt eine, er sähe scheiße aus und deshalb wolle sie ihn nicht kennen lernen, mal haut eine während eines Dates unter dem Vorwand, sie müsse mal auf die Toilette, einfach ab. Klingt doof, ist aber so. Seitdem achtet der Bernd darauf, dass seine Dates nicht mit Jacke und Handtasche zur Toilette gehen. Wenn er überhaupt mal ein Date hat. Eines mit einer Frau, die nicht fett, hässlich, dumm, ungepflegt oder völlig durchgeknallt ist. Oder alles zusammen. Das kommt aber nicht oft vor. Deshalb ist Bernd auch sehr traurig.

Bernd hat die Erfahrung gemacht, dass die wenigen halb interessanten und halb interessierten Frauen sehr kritisch mit ihm sind und ihm nichts verzeihen. Ein falscher Kommentar oder einmal etwas falsch zu verstehen, wird im Allgemeinen sofort dazu verwendet, eine Beziehung mit ihm zu beenden oder ihn auch sonst nicht mehr wiedersehen zu müssen. Ein langhaariger großer Schönling dagegen, der auf einem Ross dahergeritten kommt und vielleicht sogar noch adelig ist, kann sich dagegen alles erlauben. Von so einem lassen sich dieselben Frauen nämlich jede Gemeinheit gefallen und sich total scheiße behandeln. Das findet der Bernd doof und ungerecht. Klingt traurig, ist aber so. Von Partnerinstituten und Online-Datingportalen wird er auch nur abgezockt.

Deshalb hat sich der Bernd jetzt entschlossen, nachts im Park Frauen aufzuschlitzen. Das Messer hierfür hat er sich vom örtlichen Schlachter besorgt. Klingt gefährlich, ist auch so. Der Bernd legt sich jetzt nachts auf die Lauer, und sobald eine junge Frau vorbeikommt, die von ihm ja doch nichts wollen würde, springt er aus dem Gebüsch und schlitzt sie von unten bis oben auf. Oder von oben nach unten. Das entscheidet der Bernd dann im Gebüsch individuell, damit er auch ein bisschen Abwechslung hat. Er zerteilt die Toten dann, und die Leichenteile stellt er in sein persönlich eingerichtetes Totfrauen-Museum im Keller. Sein großes Vorbild ist die "Körperwelten"-Ausstellung. Sowas kann er auch, sagt sich der Bernd. Da ihm die konservierenden Chemikalien fehlen, fangen seine Ausstellungsstücke aber ganz schnell an zu stinken. Und so züchtet der Bernd nebenher noch Fliegen und Maden. Diese verkauft er dann einem Angelbedarf-Geschäft. Mit dem Erlös kann er sich immer wieder ein neues scharfes Messer kaufen, wenn das alte vom vielen Aufschlitzen mal wieder stumpf geworden ist. Rippen machen das Messer stumpf - weiß Bernd. Dass er eines Tages erwischt wird, glaubt er nicht. Schließlich hat ja zuvor auch über 40 Jahre lang kaum einer Notiz von ihm genommen. Das stinkt ihm dann aber auch wieder - weshalb er schließlich den Beschluss fasst, Amok zu laufen, die Pistole vom Nachttisch seines Vaters zu stehlen und damit alle Frauen zu erschießen, die ihn nicht gut behandelt haben. Und dabei wird er dann selbst von der Polizei erschossen.

8. 3. 2012 Homepage

Willkommen bei Pit Stop

"Pit Stop, guten Tag." - "Ja hallo, ich hätte gerne einen Termin für den TÜV und die vorherige Inspektion, die Sie mir per Flyer letzte Woche angeboten haben. Das könnten wir dann auch gleich mit einem Reifenwechsel verbinden. Meine Sommerreifen sind ja bei Ihnen eingelagert." - "Ja, sind Sie denn Privatkunde oder Firmenkunde?" - "Privat. Wieso?" - "Ach, dann sind ja Ihre Reifen noch in Schorndorf." - "???" - "Wir haben doch unsere Filiale in Schorndorf geschlossen. Die Reifen der Firmenkunden haben wir mit nach Stuttgart genommen. Die anderen Reifen haben wir der Nachfolgefirma liegen lassen, die das Gebäude übernommen hat. Car Center oder so ähnlich." - "Ach??" - "Ja." - "Warum hat man mich denn da nicht informiert? Das kann doch wohl nicht wahr sein. Und dann schicken Sie mir noch ein Angebot für den TÜV, wenn's den Laden gar nicht mehr gibt? - "Ja, da muss was falsch gelaufen sein. Da müssen Sie sich jetzt an den Neuen wenden." - "Wie ist denn da die Nummer?" - "Das wissen wir auch nicht. Wir haben für uns eine Rufumleitung geschaltet. Die Nummer des Nachfolgers kennen wir nicht, der hat eine andere. Aber schauen Sie doch dort vorbei, die haben heute große Eröffnung." - "Tja, das muss ich dann wohl. Aber befremdet bin ich jetzt schon. Wäre ich jetzt Firmenkunde, könnte ich meine Reifen in Stuttgart abholen? Ohne vorher informiert zu werden? Starkes Stück. Naja, vielen Dank, dann wende ich mich mal an den Nachfolger. Tschüss." - "Tschüss". Zusammenarbeit mit Pit Stop beendet.

5. 2. 2012 Homepage

Vom Hundertsten ins Tausendste

Heute bin ich in meinem Heimatort unterwegs. Es ist Vormittag. Normalerweise arbeite ich da weit weg. Nun, heute bin ich aber da. Ich steuere einen Parkplatz in der Innenstadt an. Gerade fahre ich auf das Parkplatzgelände und habe noch nicht erfasst, dass es keinen freien Platz gibt, da winkt mir auch schon einer, er fahre jetzt weg und ich könnte dann seinen Parkplatz haben. Das ist aber nett. Ich bedanke mich artig, warte, bis er herausgefahren ist und fahre dann selbst in die Lücke. Ich steige aus, da winkt mir schon die nächste: "Sie können mein Parkticket haben. Es gilt noch bis 11:15 Uhr." Ich lehne dankend ab, vor allem, weil es ja schon 11:45 Uhr ist. Sie hat wohl selbst schon ziemlich überzogen. Mit meinen letzten paar Kreuzern im Geldbeutel verschaffe ich mir eine halbe Stunde Parkzeit. Da spricht mich ein älterer Herr an, mein Cabrio würde ihm auch gefallen, das wäre genau sein Ding, aber seine Frau erlaube ihm das nicht mehr und mit dem Kreuz ist das auch so eine Sache bei solch einem tiefsitzenden Fahrzeug. Ich bringe ihn davon ab, sich deshalb eine jüngere Frau zu suchen und gehe weiter.

Später, wieder zu Hause, bekomme ich positive und negative Nachrichten. Die positive: Ebay hat zu meinen Gunsten entschieden. Ich bekomme das Geld für Boxen zurück, die ich ersteigert habe, die dann aber kaputt geliefert, von mir zurückgeschickt und dann von neuem kaputt geliefert wurden. Mittlerweile hatten die Rücksendekosten den Warenwert erreicht. Die verkaufende Firma war nicht gewillt oder imstande, intakte Ware zu liefern und verweigerte sich auch der vollen Rücksendekostenerstattung. Sowas kann eben auch mal vorkommen. Tut es glücklicherweise aber selten. Zum Glück ist das Ganze jetzt nach Monaten endlich vom Tisch und ich bekomme mein Geld zurück. Die andere Nachricht ist dafür weniger schön: Ich hatte einen gebrauchten Receiver über Ebay versteigert, der beim Käufer aber dann mit erheblichem Transportschaden ankam. Ich habe diesem das Geld wieder rückerstattet, das Paket kam zur DHL zur Prüfung. Schließlich ist so ein Paket ja auch versichert. Doch nun habe ich es schwarz auf weiß - es handle sich zwar tatsächlich um einen von der DHL verursachten Transportschaden, da die Verpackung aber "nicht AGB-konform zu beurteilen" ist, ist eine Haftung ausgeschlossen. Wie bitte? Ich glaub, es hakt! Was soll ich denn noch anders machen als den ganzen Scheiß dick in Styropor einzupacken (so gut wie originalverpackt) und außen riesengroß "Vorsicht Glas" draufzudrucken, damit diese
Paketschubser-Honks von der DHL das Paket nicht durch die Gegend werfen? Wäre der Sachwert und somit der Schaden höher, hätte ich geklagt. Natürlich ohne große Aussichten. Eine weitere schlimme Erfahrung mit der DHL und wieder ein Grund mehr, künftig einen anderen Lieferservice zu beauftragen.

Nach so viel Aufregung freue ich mich auf etwas Ablenkung und die "Dschungelshow" am Abend. RTL hat wieder Z-Prominenz ins Camp geladen. Dieses Jahr ist es leider ein ausgesprochenes Pussy-Camp, in dem täglich ein anderer heult "Buhuuu, ich will wieder heim, buhuuu". Die Regeln werden gedehnt (man kann sich z.B. den freiwilligen Abgang hinterher wieder anders überlegen), nach Drehbuch wird gespielt (Brigitte Nielsen bringt "ganz spontan und überraschend" Feldpost mit, die sich die Insassen gegenseitig vorlesen - ganz zufällig hat da bereits Micaela Schäfer zum ersten Mal eine Lesebrille auf). Überhaupt, die finanziell heruntergekommenen Teilnehmer diesmal: Micaela Schäfer, Nacktmodel, an deren ständiger Nacktheit sich auch der geilste Zuschauer nach fünf Tagen sattgesehen hat. Immerhin überrascht sie und besteht tough jede Prüfung. Von den anderen etwas gemobbt schafft sie es leider nicht ganz ins Finale. Kim Debkowski - heute ist man ja schon Promi wenn man in irgend einer fünftklassigen Castingshow Hundertsiebter geworden ist - ein Farbkasten, der ungeschminkt tausendmal besser und mindestens zehn Jahre jünger aussieht. Auch sie ist überraschend robust und wird Zweite. Ein geschicktes Techtelmechtel mit Rocco Stark garantiert ihr eine bequeme Schlafunterlage statt dem Feldbett. Jazzy von "Tic Tac Toe" überrascht nicht als ich-bezogene Zicke. Ailton - einst ein erfolgreicher Fußballer, ein "Kugelblitz", heute mehr Kugel als Blitz. Er ist seit Jahrzehnten in Deutschland und man versteht ihn immer noch nicht. Und genau das macht wohl seine Sympathiewerte aus. Eigentlich viel zu lange im Camp. Rocco Stark, ungeliebter Ochsenknecht-Sohn, hat aber immerhin einen halbwegs normalen Namen bekommen. Ganz im Gegensatz zu seinen Halbbrüdern Wilson Gonzalez und Jimi Blue. Er ist wohl der einzige, der Kims Körpersprache nicht deuten konnte, dass sie außer seines mitgebrachten Luxusartikels in Form einer großen Luftmatratze kein Interesse hatte. Er wird Dritter, aber auch nur, weil er seine Prüfungen gut bestanden hat. Sonst eher ein Nervfaktor. Mit seinem Grinsen sieht er Jim Carrey ähnlich. Apropos ähnlich sehen - Vincent Raven, der Patrick Swayze im Camp, durch seinen lustigen Schweizer Akzent verzeiht man ihm auch die größten Hasstiraden gegen Schwule, Frauen und andere Randgruppen. Man kann ihn so wunderbar "nicht ernst nehmen". Brüllend komisch auch sein Handlesen, dessen Ergebnis wohl jeweils zu jedem Campinsassen gepasst hätte. Entlarvend für die Magierzunft. Daniel Lopez - wer ist das? Martin Kesici - auch nicht besser. Erfolglose Musiker, die keiner mehr hören will. Verlierertypen, die vorzeitig wieder abhauen. Brigitte Nielsen, der einzige wirkliche Star im Camp - war doch schon vorher klar, dass sie gewinnt. Hat sich tough durchgekämpft, ihre ständigen Jubelschreie hatten allerdings hohen Nervfaktor. Ramona Leiß - einstmals hübsche Co-Moderatorin der "Knoff Hoff Show", heute nur noch ein nerviges, verhaltensgestörtes, altes Hutzelweib. Zum Glück früh ausgeschieden. Radost Bokel - das "Momo" mit den hübschen Rehäuglein - entpuppt sich leider als launische Zicke. Verbockt ihre einzige Prüfung. War nur optisch ein Gewinn für das Camp. Insgesamt war alles ganz lustig, aber man ist froh, dass es wieder vorbei ist.

Ich sehe mir nochmal kurz die Aktienkurse an und gehe ins Bett. Dabei verwünsche ich die Chaostheorie: Eine private Firma in den USA stuft einen Staat in Europa mutwillig finanziell herunter, dadurch fallen meine Aktienfonds, die ich bei Firmen in Indonesien angelegt habe. Schöne neue Welt.

3. 1. 2012 Homepage

Die Bahn ist pünktlich

Dieses Mal habe ich allen ein Schnippchen geschlagen: Ich ließ mich vom alljährlichen Vorweihnachts-Wahnsinn nicht anstecken. Die Geschenke hatte ich schon vier Wochen vorher zusammen, und meine Arbeit war zwei Wochen vorher komplett erledigt. So konnte ich ganz entspannt Urlaub machen und Weihnachten erwarten. Ach, wenn mir das nur jedes Jahr gelänge.

Und wie schnell dann Weihnachten schon wieder vorbei ist. Ein Freund in der Schweiz, ich nenne ihn hier mal Fritz-Kevin (Name geändert), bittet mich, ihm bei seinem innerschweizerischen Umzug zu helfen. Da mein Auto nicht gerade als komfortables Langstreckenfahrzeug zu bezeichnen ist, beschließe ich, mit der Bahn zu fahren. Es empfiehlt sich hier ein überschnelles Buchen, da sich der Preis schonmal über Nacht verdoppeln kann. Nachdem ich diese Erfahrung gemacht habe, buche ich verärgert den teureren Preis. Ich nehme die Fahrt, bei der ich am seltensten umsteigen muss (zweimal). Jetzt bin ich mal gespannt, wie das alles terminlich klappt mit den Anschlusszügen. Am Abend gehts los. Als erstes sitze ich in einem Regionalexpress, um die ersten 30 km zu überwinden. Es ist spät und die Abteils sind deshalb ziemlich leer. Pünktlich bin ich am ersten Zielbahnhof, steige um und finde mich in einem geräumigen IC wieder. Ich bin überrascht über den Komfort und stehe nochmal auf, um mich zu vergewissern, ob ich da nicht aus Versehen in der ersten Klasse gelandet bin. Aber nein, alles in Ordnung. Na, das fängt ja wirklich recht gut an. Auch hier sitze ich bequem und allein. Ziel ist Zürich in der Schweiz. Und tatsächlich bin ich auf die Minute genau dort. Wieder steht mein Anschlusszug schon bereit und ich sitze zum ersten Mal in meinem Leben in einem doppelstöckigen Waggon - natürlich oben. Die Fahrt nach Bern endet auch wie angegeben und ich bin am Zielort angekommen.

Fritz-Kevin holt mich am Bahnhof ab. Da ich mich auf drei Tage Umzug inklusive vielleicht ein bisschen Sightseeing eingestellt habe, gehe ich davon aus, dass meine Unterkunft bereits vorbereitet ist. Ist sie nicht. Ich lande im völligen Chaos, und es ist schon 3 Uhr morgens, bis ich ein notdürftiges Bett in einem völlig mit Gedöns überfüllten Raum zur Verfügung habe. Der Ausflug hat schon jetzt ein bisschen Arbeitslager-Atmosphäre. Die Nacht ist kurz, wir stehen schon um 8 Uhr wieder auf. Die erste Nacht in der Fremde schläft man ja meistens sowieso kaum. Das Wissen, dass ich überhaupt mal kurz eingenickt bin, verdanke ich nur der Erinnerung an einen saudummen Traum, in welchem ich mit einer Chinesin zusammen war, deren Vater mich jeden Morgen anrief, ich solle jetzt zu ihm auf die Arbeit kommen, zum Straßenbau. Natürlich hatte ich bereits einen anderen Beruf und eine andere Arbeitsstelle. Er wusste das. Trotzdem rief er jeden Morgen von Neuem an. Irgendwann machte ich mir einen Spaß daraus, kam ihm morgens mit dem Anrufen zuvor und fragte ihn, wie's denn bei seiner Arbeit so läuft und ich würde heute kommen. Was ich natürlich nicht tat.

Der nächste Morgen. Der Umzug läuft, wie man sich das vorstellt. Zäh. Die Wohnsiedlung ist schwer zugänglich, weshalb wir eine Riesencouch in drei Teilen durch den halben Ort tragen müssen. Das letzte Stück durch einen Rasen, der alle zwei Meter einen Hundehaufen zu bieten hat. Es grenzt an ein Wunder, dass keiner von uns in einen tritt. Es hat mittlerweile begonnen, heftig zu schneien. Ja, fast schon zu regnen - der Schnee ist ziemlich nass. Da steigt der Spaß bei der Arbeit doch gleich an. Wir schleppen uns tot an Umzugsmöbeln und holen zusätzlich neue bei Ikea. Das Möbelhaus nutzen wir auch gleich dazu, eine warme Mahlzeit am Tag zu ergattern. Als alle Möbel in der neuen Wohnung sind, beginnt das Chaos von Neuem. Jetzt wird aufgebaut. Fritz-Kevin sucht ständig irgendwelches Werkzeug oder Sonstiges, was er zuvor in Gedanken an irgend einem unbekannten Platz in der Wohnung oder im Auto liegen gelassen hat. Er ist so oft am Suchen, dass ich ihn fortan Google nenne. Meine Hoffnung, schon an einem Tag fertig zu werden, erfüllt sich bei Weitem nicht.

Die zweite Nacht wird entspannter. Völlige Übermüdung lässt mich endlich richtig schlafen. Aber auch hier ist nichts mit Ausschlafen. Am kommenden Tag werden vor allem die Kabel im Wohnzimmer verlegt. Kabelschächte verlegen und die Kabel dort hinein zu pfriemeln, wird definitiv nicht meine neue Lieblingsbeschäftigung. Google misst ein Stromkabel aus und kürzt es auf die benötigte Länge. Ich gehe kurz aus dem Raum und sehe bei der Wiederkunft, dass er die ersten Meter Kabel bereits verlegt und angeschlossen hat. Leider merken wir aber auch, dass er das falsche, abgeschnittene Kabel verwendet hat. Missmutig also die ganze Prozedur wieder rückgängig gemacht. Und man wünscht sich wieder ein "Strg + z" für alle Lebensbereiche. Wir benötigen den ganzen Tag und bekommen gerade mal die Verkabelung hin. Zwischendurch nutzen wir einen Einkauf damit, eine kurze Stadtführung (da es regnet, hauptsächlich vom Auto aus) zu unternehmen. Schnell wird es Abend. Es ist aber Silvester, und wir werden spontan von einer Bekannten Googles eingeladen, uns mit ihr und ihren Kollegen zu treffen, um irgendwo was Trinken zu gehen. Nun muss man dazu sagen: Die Bekannte ist von Beruf Psychologin - und folglich gilt das auch für ihre Kollegen. Ich habe Bedenken, ich würde dort analysiert und therapiert, aber willige mangels Alternativen dann doch ein, mitzukommen. Vorher gehen Google und ich noch auf den Berner Bundesplatz, um dort dem Jahreswechsel live beizuwohnen. Die Schweizer sind schon ein lustiges Volk. Der ganze Platz ist voller Leute, aber nur etwa jeder Dreißigste schießt irgendwelche Böller, Raketen oder sonstiges Feuerwerk ab. Alle anderen klatschen dann begeistert, wenn das Ding abgebrannt oder explodiert ist. Ich gewinne das Schweizer Volk lieb, da sie auch im betrunkenen Zustand nicht aggressiv werden und immer noch freundlich bleiben - allenfalls schläft mal einer auf der Straße ein. Mich spricht einer an, worauf ich unvorbereitet bin. Der Schweizer an sich kann ja hochdeutsch sowohl verstehen als auch sprechen - spricht aber freiwillig einen Dialekt zwischen Bauernhof und Erkältungskrankheit, absichtlich noch stets an den falschen Stellen betont. Und dann auch noch betrunken - das verstehe ich nun beim besten Willen nicht mehr. Ich zucke ratlos mit den Schultern, worauf er anbietet, etwas langsamer zu sprechen. Aber auch ein langsames Lallschwyzerdütsch kann ich nicht übersetzen. Wir verlassen den Platz wieder, um pünktlich zu unserem Treffen zu kommen. Wir haben es eilig. Google checkt ein altes Ehepaar zur Seite und spurtet los. Ich traue mich das nicht und laufe hinter den Alten her, was mich deutlich zurück wirft. Irgendwann komme aber auch ich am Auto an. Das Treffen mit den Psychiatern funktioniert, aber es stellt sich heraus, dass man an Silvester nicht einfach spontan in irgendeine Kneipe gehen kann. Das ist in der Schweiz wie in Deutschland. Gut, das könnte man auch wissen und deshalb ein paar Wochen vorher schon reservieren oder Eintrittskarten kaufen. Wir laufen von Location zu Location und bekommen - was für ein Wunder - nirgends Einlass, weil die Leute überall bis auf die Straße hinaus stehen. Dafür stelle ich überrascht wie erfreut fest, dass es sich bei den Kollegen hauptsächlich um KollegINNEN handelt. Alle schätzungsweise um die 30, sehr intelligent und wunderhübsch. Man wünscht sich fast, Patient von ihnen zu sein. Und alle sprechen wunderbares Hochdeutsch. Ich bin glücklich. Wir beschließen, zu einer von ihnen nach Hause zu gehen und eben dort noch eine Weile eine Privatparty zu veranstalten. Dort angekommen, kommt der allgemeine Wunsch auf, Tarot-Karten zu legen. Obwohl ich mit solch einem Scheiß nichts anfangen kann, stelle ich mich trotzdem zur Verfügung. Ist ja schließlich nur ein Spaß. Und da die Kartenlegerin vor mir sitzt und einen Papierhut auf hat, beschließe ich sowieso, das Ganze nicht allzu ernst zu nehmen. Natürlich kommt ein völlig inakzeptables Ergebnis heraus, mit dem ich nicht gerade allzu vorteilhaft beschrieben werde. Dennoch fühle ich mich unter all den hübschen Frauen wohl. Den Mädels geht es offenbar auch so. Wer hätte gedacht, dass ich einmal Silvester mit einem Haufen Psychologen verbringe? Gut, so mancher hätte sich das vielleicht vorstellen können. Allerdings eher in einer Psychiatrie als Veranstaltungsort. Es wird sehr spät. Zirka um sechs Uhr morgens komme ich ins Bett. Um elf stehen wir wieder auf - es stehen noch die letzten Aufbauten an. Die kann Google aber auch alleine fertig machen, was meine Gegenwart nicht mehr länger erforderlich macht. Das passt ganz gut, denn heute geht mein Zug zurück.

Google fährt mich zum Bahnhof, und zum ersten Mal in drei Tagen sehe ich in der Ferne die Berge. Fast wäre ich nach Hause gekommen und hätte bestritten, dass es so etwas in der Schweiz gibt. Ständiger Regen- und Schneefall hatten die Sicht seither verhindert. Ich bin wieder am Bahnhof in Bern. Auf der Rückfahrt klappt wieder alles auf die Minute genau. Zweimal umsteigen ... passt. Pünktlich bin ich wieder zu Hause und muss doch einige Vorurteile gegenüber der Bahn über Bord werfen. Nur die Erkenntnis, dass der eigentliche Premiumzug ICE gegenüber einem IC oder Regionalexpress komplett abstinkt, weil der ICE-Komfort eher der Schweineklasse eines Linienflugzeugs ähnelt, sowie der Stress einer zweimal fünfstündigen Reise, verhindern eine allzu große Euphorie. Jede Weihnachtsferien möchte ich aber so nicht verbringen müssen.

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